Zeitungsartikel
Letzter Kampf der Hartplatzhelden
31.12.2009 - 23:03

VERBÄNDE Wer versucht, auf Kunstrasen Straßenfußballer zu züchten, ist von einer anderen Welt

Das große Bundesliga-Geschäft überstrahlt scheinbar alles - Wettskandalen und Dopinggerüchten zum Trotz. Aber reden wir mal drüber, wie der Deutsche Fußball-Bund und sein hessischer Landesverband weiterhin mit ihren Amateuren umgehen. Reden wir auch von den Dingen, von denen sonst hier nur viel zu selten oder gut versteckt und in aller Kürze zu lesen ist.

Haben Sie, liebe Leser, in diesem Jahr auch einen Anruf von "Sky" bekommen, dem Premiere-Nachfolger, der sieben Tage Fußball die Woche im Bezahl-Fernsehen bietet? Manche Vereine haben sich genötigt gesehen, in ihren hauseigenen Publikationen ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass sie die Adress-Daten ihrer Mitglieder nicht weitergegeben haben. Obwohl der Verband eben genau das von ihnen gewünscht hatte. Ein sitten- und vermutlich sogar rechtswidriges Ansinnen.

"Das ist ein Unding. Es gibt Vereine, die Mitgliederdaten herausgeben", ereiferte sich zum Beispiel Berit Schiefke im September, die Vorsitzende des 930 Mitglieder starken, holsteinischen SV Westerrade in den "Lübecker Nachrichten". Und: "Das würden wir nie machen." Das partnerschaftliche Bemühen von Sky und DFB, den kleinen Vereinen die Zuschauer von den Plätzen wegzulocken und an die Bildschirme zu ziehen, nennt Bernd Schult, der Manager des Lübecker Verbandsligisten Rot-Weiß Moisling "einen Affront gegen die Amateurfußballer. Man sollte mal mehr an uns Amateure denken und nicht immer nur ans große Geld." Der Schleswig-Holsteinische Fußball-Verband hat "bewusst entschieden, das Angebot nicht zu bewerben", erklärte Verbandssprecher Tobias Kruse immerhin. Beim obrigkeitshörigen Hessischen Fußballverband (HFV) mit seinen speziellen Verbindungen zum DFB sieht das natürlich anders aus.

Die Aufregung kann bundesweit mit Zitaten belegt werden. Kommentatoren schütteln mittlerweile selbst auf Politikseiten der Tageszeitungen den Kopf über den DFB. Und schon kommt der nächste Verbands-Angriff auf das Selbstbestimmungsrecht der Vereine und seiner Mitglieder. Im Streit mit dem Internetportal "hartplatzhelden.de", das kurze Videoclips mit Spielszenen aus Amateur- und Jugendspielen ins Netz stellt, klagt der Württembergische Fußballverband. Er fühlt sich - wörtlich - als "Leistungserbringer" der Amateurfußballspiele. Die Hartplatzhelden verletzten die Verwertungsrechte des Verbandes.

Der absurde Satz, den der hessische Verbandsgeschäftsführer Gerhard Hilgers einmal im Zusammenhang mit dem Ergebnisdienst "DFB-net" geprägt hat ("Die Ergebnisse auf hessischen Fußballplätzen sind geistiges Eigentum des Verbandes") gewinnt neue Bedeutung.

Natürlich ist auch der HFV in Sachen Internet schon aktiv geworden. Im Sommer hat der Hessische Fußball-Verband den VfL Philippstal aufgefordert, Videos mit Spielszenen, die Klubmitglieder bei "You Tube" hochgeladen hatten, "zeitnah" zu löschen.

Der württembergische Verbands-Justiziar Frank Thumm begründet die WFV-Ansprüche mit der Feststellung, die Spiele seien nur dank der Vorleistungen des Verbandes möglich: "5000 Partien pro Saison finden nicht von allein statt." Aber, lieber Herr Thumm, vor allem nicht ohne die Vereine und ihre Mannschaften. Und - das müssten sie als Jurist eigentlich wissen: Wer ist denn der Verband? Ist das nicht die Gemeinschaft der Vereine? Eine Selbstverwaltungs-Organisation eben jener von Ihnen mit Strafandrohungen verfolgten Mitglieder? Sind den Herren, die versuchen, Straßenfußballer auf Kunstrasen zu züchten, die alten Hartplatzhelden nicht mehr fein genug?

Viele Fußballer sind längst zur der Überzeugung gekommen: Die sind verrückt beim Verband. Oder abgerückt, weit weg jedenfalls von ihren Mitgliedern. Ein Lars Klingenberg schrieb im Internet auf "myheimat.de" zu diesem Thema: "Ich sehe es noch kommen, dass sich Eltern bei den Landesverbänden akkreditieren müssen, damit sie ihre Kinder beim Spiel fotografieren oder filmen dürfen." Es spricht vieles dafür, dass er mit dieser Vermutung Recht behält.

Hat von den Verbands-Oberen mal irgendwer bei seinen Vereinen nachgefragt, ob sie den Eindruck hätten, dass ihnen von dem crossmedialen Brimborium, das der DFB von Internet bis Fernsehen veranstaltet, irgendetwas bei der täglichen Arbeit zu Gute kommt? "Nur denen da oben natürlich", ist stehende Redewendung - und für eine Selbstverwaltungs-Organisation eine Katastrophe.

Als Horst Klee, Vorsitzender von Biebrich 02, dem Vorstand des hessischen Verbandsvorstandes attestierte, er sei von der Basis weit, weit entfernt, empfahl ihm HFV-Chef Hocke, er könne mit seinem Klub ja aus dem Verband austreten. Da strahlt die Arroganz der Macht. Nun wird der größte Fußballverein in der Landeshauptstadt Rolf Hocke den Gefallen nicht tun, aber das Gefühl bei vielen Klubs landauf, landab bleibt: Das ist nicht mehr unser Verband.


udo


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