Zeitungsartikel
Von Italiens Stränden in die Nationalelf
14.11.2012 - 03:00

14.11.2012 01:00 Uhr - WIESBADEN

Von Stephan Neumann

Das Gefühl, als die deutsche Hymne am 31. Oktober im Stadion der griechischen Stadt Saloniki erklang, war einfach nur überwältigend. „Wirklich Gänsehaut pur“, blickt Lucienne Loy auf den bislang denkwürdigsten Tag als Fußballerin zurück. Im Europameisterschafts-Qualifikationsmatch gegen Rumänien wurde die Außenverteidigerin in der 56. Minute eingewechselt, gab ihr Debüt in der von Anouschka Bernhard trainierten deutschen U 17-Auswahl. Diese gewann 5:0 und hat als Gruppensieger die nächste Qualifikationsphase für die Europameisterschaft 2013 in der Schweiz erreicht.

„Einmal das Trikot mit dem Adler tragen. Da hat sich ein Traum erfüllt“, schwärmt Luciennes Vater Detlef (48), der früher bei Biebrich 19 mit seinem Bruder Frank ein gefürchtetes Offensiv-Tandem bildete. Überhaupt herrscht in der fußballverrückten Familie seit Luciennes DFB-Premiere quasi Happy Hour ohne Ende, wollen die Glückwünsche nicht abreißen.

Die Hauptdarstellerin versprüht bei all dem Trubel Gelassenheit und kommt ganz natürlich rüber. Und zierlich: 1,62 Meter groß, 48 Kilogramm leicht. Als Kunstturnerin oder Leichtathletin würde man die Oberstufenschülerin des Elly-Heuss-Gymnasiums einschätzen. Nicht aber als pfeilschnelle Fußballerin mit unglaublichem Einsatzwillen, die sich im U 16-Jungenteam von Biebrich 02 behauptet und - ausgestattet mit einem Zweitspielrecht - seit dieser Runde parallel mit den B-Juniorinnen des deutschen Frauenfußball-Premiumclubs 1. FFC Frankfurt in der Bundesliga kickt.

Letzte Saison im Jungenteam

Am Samstag gelang Lucienne, die übermorgen ihren 16. Geburtstag feiert, mit Primus FFC (acht Spiele, acht Siege) ein 3:1 über den 1. FC Nürnberg. Anteil am Erfolg hatten ihre in der Offensive spielenden Teamgefährtinnen Samantha Herrmann und Celina Beuter. Die haben den Sprung in die U 15-Nationalelf geschafft, stehen dort mit je einem Tor zu Buche. Samantha spielt parallel bei den Jungs von Biebrich 02, dasselbe gilt für Celina (stammt aus Rauenthal) in Frauenstein.

Auch Lucienne hat seit jeher davon profitiert, bei den Jungen mitzukicken. Angefangen, erzählt ihr Vater, habe alles im Urlaub an Italiens Stränden. „Lucienne wollte immer mitspielen“, erinnert er sich. Fortan entwickelte seine Tochter ungeahnte Begeisterung und Eigenmotivation. Über den SV Biebrich 19, der damals noch Nachwuchsteams hatte, wechselte Lucienne für zwei Jahre zu den Mädchen von Schierstein 08, die in der Jungen-Spielklasse für Furore sorgten. Als in Schierstein die meisten Spielerinnen in den Frauenbereich aufrückten, warf Lucienne vor vier Jahren bei Biebrich 02 Anker, um sich dort in den Jungen-Teams stetig weiterzuentwickeln.

Bereits 2011 wurde die Hessenauswahlspielerin für die Nationalelf gesichtet, fiel aber zwischenzeitlich krankheitsbedingt aus. „Von da ab herrschte erst mal Funkstille, sie war draußen“, empfand Detlef Loy die ohne Absage erfolgte Nichtberücksichtigung als „sehr hart“. Lucienne ließ sich nicht unterkriegen. Beim diesjährigen Leistungstest für die DFB-U 17 in Köln qualifizierte sie sich unter 30 Spielerinnen für den 18er-Kader.

2013 beginnt eine neue Zeitrechnung. Nach der Runde erlischt die Mitspielmöglichkeit bei den Jungen, parallel rückt sie von den B-Juniorinnen zu den Frauen auf. Mit dem nächsten Traumziel „Bundesliga-Spielerin“ im Hinterkopf. Bei aller Freude über das bislang Erreichte dämpft Detlef Loy ein wenig den Enthusiasmus: „Der FFC ist in der ersten Mannschaft gespickt mit Nationalspielerinnen. Das ist vorerst eine Nummer zu groß. Zunächst ist es wichtig, den Fokus auf die Schule zu richten.“ Gleichwohl würde Lucienne nur zu gerne weitere fußballerische Gänsehaut-Momente erleben.


udo


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